/, Interview/„Ich gehe davon aus, dass sich das Blatt im kommenden Jahr flächendeckend in Richtung Android wendet“ – Interview mit Volker Oppmann

„Ich gehe davon aus, dass sich das Blatt im kommenden Jahr flächendeckend in Richtung Android wendet“ – Interview mit Volker Oppmann

Herr Oppmann, zum 1. August haben Sie Ihre Digitalschmiede Textunes an Thalia verkauft. Seither sind Sie für die Hagener Buchhandelskette Ansprechpartner für alle Fragen rund um E-Books, Apps und Co. Was hat sich für Sie und Ihr Team dadurch verändert?

So paradox es sich vielleicht auf den ersten Blick anhören mag: Wir haben durch den Verkauf einen großen Grad an Freiheit gewonnen, nicht zuletzt dank des Vertrauens und der Wertschätzung, die uns unsere Hagener Kollegen entgegenbringen. Durch die neue Konstellation haben wir zudem die Möglichkeit, nun eine ganze Reihe von Initiativen anzustoßen, die ansonsten wahrscheinlich für immer als bloße Konzepte in der Schublade geblieben wären.
Persönlich schätze ich insbesondere den offenen und konstruktiven Umgangston auf allen Ebenen. In einem Satz: Wir haben eine Menge zu tun, enorme Herausforderungen vor uns, aber auch eine Menge Spaß an der Arbeit. Ich könnte mir aktuell keinen Job vorstellen, der spannender wäre.


Aktuell entwickeln Sie eine App, mit der u. a. eine digitale Verfügbarkeitsabfrage für alle Thalia-Buchhandlungen möglich sein soll. Was ist außerdem geplant, um den Leser dabei zu unterstützen, dass er im (digitalen) Bücherdschungel genau das findet, was ihn interessiert?

 

Finden ist ein gutes Stichwort. Die meisten digitalen Shop-Konzepte richten sich im Grunde ausschließlich an Zielkäufer, die ein konkretes Kaufbedürfnis haben und genau wissen, wonach die suchen. Oder aber man wird frontal mit Bestsellerlisten und Werbebotschaften befeuert. Der Kunde hat aber ein nicht minder großes Bedürfnis nach Orientierung und (persönlicher) Relevanz.
Wir möchten den Kunden durch unser neues Channel-Konzept daher zum assoziativen Stöbern einladen, ihm auch in der digitalen Welt einen Raum bieten, in dem er sich wohlfühlt. Das geht bis dahin, dass wir jedem unserer Kunden die Möglichkeit geben, sich sein persönliches Sortiment gemäß der eigenen Interessen individuell zusammenzustellen, indem er sich einzelne thematische Channels wie z.B. Krimi »abonniert«. Dabei lösen wir uns von der klassischen Warengruppensystematik und bieten begleitend redaktionell betreute Themenwelten an.
Weitere zentrale Aspekte sind die Anbindung an soziale Netzwerke sowie persönliche Empfehlungen, da man einer Empfehlung aus seinem Freundeskreis bzw. einer dezidierten Interessengruppe deutlich mehr Vertrauen schenkt als einer reinen Werbebotschaft.


Auf der 4. E-Book-Konferenz der Akademie der Deutschen Medien am 1.12.2011 sprechen Sie ausführlich über „Thalias Smart Reading Strategie“. Was bedeutet Smart Reading?

Unsere »Smart-Reading-Strategie« zielt in erster Linie in Richtung Endkunde und ist eine strategisch wichtige Säule innerhalb der Multichannel-Ausrichtung von Thalia. Langfristiges Ziel der Strategie ist es, digitales Lesen für Jedermann immer und überall zu einem Erlebnis werden zu lassen – sowohl unabhängig von dem jeweiligen Kanal, in dem sich der Kunde gerade bewegt, als auch unabhängig von dem jeweiligen Endgerät, das der Kunde nutzt. Oder um ein paar Anglizismen zu bemühen: Smart Reading ist das Einlösen den Versprechens von »anything, anytime, anywhere« gegenüber der mobilen Generation »always online« =)


Welche Rolle spielt Cloud Reading bei Textunes/Thalia?

Eine ganz zentrale, da wir – und damit meine ich nicht nur Thalia, sondern alle Kollegen im Sortiment – nur mit Cloud-basierten Angebotsmodellen neben den großen amerikanischen Anbietern bestehen können. Wenn wir den Kaufprozess (mit einem Klick) und das Service-Angebot rund um die Inhalte (Beispiel: Synchronisation über mehrere Endgeräte hinweg) nicht annähernd so attraktiv gestalten können wie Apple und Amazon, haben wir nicht den Hauch einer Chance, da der Kunde stets dort kauft, wo es am bequemsten für ihn ist. Die Zukunft des deutschen eBook-Handels steht und fällt mit der Cloud.


Wie eine Studie von Textunes, Thalia und der GfK gezeigt hat, ist das iPhone unter den Apple-Geräten mit 53 % Nutzeranteil nach wie vor das beliebteste Lesegerät. Wird das Ihrer Meinung nach so bleiben? Was bedeutet das für das elektronische Publizieren?

Unsere Studie zeigt ebenfalls sehr deutlich, dass das iPhone bereits massiv an Boden verliert – zum Einen gegen die »Konkurrenz« aus dem eigenen Hause, sprich: das iPad, noch viel massiver aber gegenüber Geräten, die auf dem Betriebssystem Android laufen.
Samsung hat Apple als SmartPhone-Anbieter bereits überholt und ich gehe davon aus, dass sich das Blatt im kommenden Jahr flächendeckend in Richtung Android wendet – alleine die Anzahl an SmartPhones, Tablets und Hybrid-Readern, die aktuell zu Dumpingpreisen auf den Markt geworfen werden, spricht Bände. Selbst Amazon setzt mit dem FIRE inzwischen auf Android.
Für das elektronische Publizieren ist das ein sehr positives Signal, da mit der steigenden Anzahl erschwinglicher Endgeräte nun endlich auch in Deutschland die nötige Marktdurchdringung erreicht wird, die ein nachhaltiges Geschäft mit bezahlten Inhalten überhaupt erst möglich macht.


Stichwort Social Reading: Welche Chancen sehen Sie hier für Verlage und Buchhändler? Was sind Best Practices in diesem Bereich?

Hier sehe ich vor allem große Chancen für attraktive Angebote seitens des Handels, nicht zuletzt, da wir hier einen wirklichen Hebel gegen Amazon und Apple haben, die immer reine Händler bleiben werden – sehr interessante Ansätze sehe ich aktuell bei den Kollegen von kobo, readmill und anobii.
Und nicht zu unterschätzen: Indem wir neben der Anbindung an soziale Netzwerke auch den Kollegen aus dem stationären Sortiment einen Platz in der digitalen Welt geben, ermöglichen wir soziale Interaktion über alle Verkaufskanäle hinweg, da ich nun nicht mehr zwangsläufig vor Ort in eine Buchhandlung gehen muss, um mit dem Buchhändler meines Vertrauens in Kontakt zu treten.


Zur diesjährigen Frankfurter Buchmesse wurde der Standard epub 3.0 vorgestellt – ist es für Verlage inzwischen interessanter, enhanced E-Books anstelle von Apps zu entwickeln?

Definitiv. Eine App ist immer ein Stück Software, in das der eigentliche Content »eingepackt« ist – und Software ist per se äußerst pflegeintensiv, da sie permanent nach Updates verlangt. Die Lebenszyklen sind sehr kurz. Ganz zu schweigen davon, dass man für jedes Betriebssystem neu entwickeln muss. Und schlussendlich kostet es immens viel, die nötige Aufmerksamkeit zu generieren, dass die Apps auch tatsächlich geladen werden – die Konkurrenz durch andere Apps ist groß und die Streuverluste in Sachen Marketing nicht minder.
Ein ePub hingegen ist ein standardisiertes Dateiformat, das unabhängig von dem jeweiligen Betriebssystem von der jeweils verwendeten Reader-Software /-App interpretiert werden kann. Im Vergleich zu einer App-Entwicklung sind die Erstellungskosten zudem marginal. Einmal erstellt, kann man direkt sämtliche relevanten Vertriebskanäle damit bespielen – und mit ePub 3.0 hat man als Verlag endlich die gestalterischen Möglichkeiten, die bis dato Domäne der Apps gewesen sind.


E-Books und Apps lassen sich mit den entsprechenden Plug-Ins auch mit InDesign oder Quark-Express erstellen. Was halten Sie davon?

In einem Wort: Nichts.


Was kann die Buchbranche im E-Business gegenwärtig von anderen Branchen lernen?

So platt und abgedroschen es inzwischen auch klingen mag: Aus den Fehlern der Musikindustrie lernen und schnellstmöglich attraktive Angebote entwickeln, insbesondere hinsichtlich eines einfachen Zugangs zu Inhalten.


Die Fragen stellte Teresa Rasch.













 


 


 




2011-11-17T12:40:01+01:00