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„Der E-Book-Markt wird in Deutschland abheben“ – Interview mit Dr. Ulrich Hermann

Neue technologische Entwicklungen und Nutzertrends haben wieder Schwung in den deutschen E-Book-Markt gebracht. Welchen Trend finden Sie besonders spannend? Und warum?

Die Verbreitung des IPad von Apple und das Entstehen einer neuen Tablet-Industrie in unterschiedlichsten Betriebssystemen ist ein erstaunliches Phänomen mit Blick auf die Geschwindigkeit und Größenordnung des neuen Geschäftsfeldes. Das Tablet und sein Userinterface kann als eine weitgehende „Humanisierung“ einer Mensch-Maschine-Schnittstelle verstanden werden, die sich in die Sinneswelt des Menschen weitaus harmonischer eingefügt als das mit Lap Top oder PC im Ansatz möglich war. Bis heute gab es mit Blick auf die Nutzungsformen kein Medium, das dem Vergleich einer natürlichen und im Kindesalter gelernten Haptik eines Printmediums Stand hielt. Ausgestattet mit einer dem Printbuch vergleichbaren Haptik, aber mit fantastischen Vorteilen gegenüber einem Buch, wird sich der Trend, mit dem sich derzeit das Tablet verbreitet, weiter beschleunigen. Zu nennen sind hier etwa die Vernetzung mit weiteren Inhalten, die Nutzung einer gesamten Bibliothek auf einem Device zum Gewicht eines Taschenbuches oder der bequeme ortsungebundene Zugriff auf Millionen von Titeln.

Dr. Ulrich Hermann
Wie können Verlage die zunehmende Komplexität an Endgeräten, Formaten und Kanälen auf dem E-Book-Markt erfolgreich managen? Was raten sie kleineren Verlagen?

E-Pub ist derzeit der globale, von Verlagen akzeptierte Standard für digitale Inhalte für E-Books, unterstützt durch E-Book-Reader von Kindle oder iBooks. Bei Wolters Kluwer digitalisieren wir derzeit weltweit tausende Titel im E-Pub-Format. Gleichzeitig experimentieren wir mit alternativen Lösungen, etwa von Adobe aber auch weiteren Anbietern. E-Pub ist im Bereich der Belletristik sicher die beste Lösung. Bei der Darstellung von Rechtsliteratur, bei der das Layout einer Seite zwecks Zitierfähigkeit oder etwa Medizinischen Ratgebern, bei denen die Abbildungen bestimmte Anforderungen stellen, sind alternative Lösungen zu E-Pub gefragt. Wir entwickeln hier verschiedene Lösungen selbst und experimentieren mit unterschiedlichen Standards verschiedener Anbieter, um die erfolgversprechendsten Lösungen für die unterschiedlichen Anwendungen zu finden. E-Pub ist aber in jedem Fall die richtige Entscheidung für den Start.


Der E-Book-Markt in den USA boomt und auch in Deutschland stehen wir – laut zahlreicher Beobachter – kurz vor dem Durchbruch der elektronischen Bücher. Was ist Ihre Prognose: Wie werden sich hierzulande die Anteile des E-Books im Vergleich zum gedruckten Buch auf dem Publikums- und auf dem Fachinformationsmarkt entwickeln?

Der E-Book-Markt wird in Deutschland abheben. Der Gründe hierfür liegen auf der Hand. 1. Komprimierfähigkeit der Daten, 2. Nutzenerlebnis bei der Anwendung  3. die Investitionen und Entwicklungen im Bereich der Vertriebskanäle. Zum erstgenannten Punkt liegt es doch auf der Hand, dass ein BGB-Kommentar mit 3500 Seiten oder die gesamte Urlaubsliteratur in ein Gewicht von 8 Megabytes komprimiert auf einem IPhone konsumiert werden kann. Das sind erhebliche Nutzenaspekte. Zum zweitgenannten Punkt wird die Darstellung von Text und Bild sowie ihre Vernetzung seitens der Nutzer in vielen Umfragen als zunehmend wichtiges Argument für E-Books angeführt. Wer sich mit neuesten Entwicklungen bei den E-book Apps, etwa im Bereich der Bilddarstellungen beschäftigt, versteht, wenn ich hier von einem faszinierenden  Medienerlebnis spreche. Mein eingangs letztgenannter Punkt adressiert die Investitionen, mit der Apple iBooks, Amazon Kindle, Google Books in den Markt gehen. Hier wurde bereits in Erwartung des Marktwachstums aufgerüstet. Wir stehen erst am Anfang einer Entwicklung.


US-Statistiker haben vor kurzem den jüngsten Hoffnungsträgern der Buchbranche im digitalen Bereich – Apps und enhanced E-Books – einen Dämpfer erteilt. Die Umsätze sind minimal und die Erlöse decken nur selten die Kosten (vgl. buchreport 33/2011). Lohnt es sich trotzdem, in Produkte für iPad & Co. zu investieren?

Wolters Kluwer hat eine erhebliche Präsenz in den USA und wir verfolgen den US- Markt mit großem Eigeninteresse. In den USA gibt es eine Organisation „The Book Industry Study Group“, ein Verband der US amerikanischen Verleger, die sich mit diesen Trends befasst. Dieser Verband sieht sich auch die Entwicklung des E-Book-Marktes sehr genau an und hat erst am 21. November eine Studie vorgelegt, die bestätigt, dass US Konsumenten das E-Book längst angenommen haben und erheblich nachfragen. Daher werden alle Wachstumsprognosen bestätigt.


Welche Rolle spielen iPad & Co. für Anbieter von Fachinformationen?

Fachinformationsanbieter werden Inhalte nicht nur für das Lesen von Inhalten auf dem Tablett Devices anbieten, sondern wissensbasierte Arbeitsprozesse finden, die sich mit Tablets noch produktiver ausgestalten lassen. Etwa der Bauingenieur, der vor der Baustelle steht und auf dem iPad mit den Geodaten verbundene Bauvorschriften abruft. Die iPad-App, die für den Arzt die Patientenakte bei Betreten des Krankenzimmers aus dem KMS aufruft und nach Eingabe von Befundvermerken relevante medizinische Fachinformationen aus der Literatur vorschlägt.


Der Vertrieb digitaler Inhalte befindet sich bislang weitgehend in den Händen von branchenfremden Technologiefirmen. Wie können Verlage ihren Einfluss gegenüber Unternehmen wie Apple und Google stärken?

Wir können auch unseren Wettbewerbern nur empfehlen, auf verschiedenen Plattform E-Books in unterschiedlichen Standards, d.h. etwa E-Pub 3 oder im Bereich der middleware, etwa Adobe zu vermarkten. Wie bereits der Internetboom Anfang des Jahrtausends gezeigt hat, sind es auch langfristig immer die Inhalte, die den Unterschied machen. Kurzfristig monopolisieren womöglich Vertriebskanäle den Markt, um Gewinne abzuschöpfen. Diese sind aber nicht von Dauer über Vertriebskanäle zu halten und müssen deshalb am Anfang verdient werden.  Wir setzen weiter auf Inhalte und sehen das E-Book als innovative Darreichungsform mit Potential für unterschiedliche Vertriebskanäle.

Die Fragen stellte Verena Jäger

Dr. Ulrich Hermann ist Referent auf der 4. E-Book-Konferenz „E-Books, Tablet Apps, und Cloud Reading – Neue Dynamik auf dem E-Book-Markt“, er spricht in seinem Vortrag über die Mobile Device Strategy von Wolters Kluwer Deutschland.

 



 





2011-11-28T09:42:38+01:00