//„Doppelt so gut funktionieren – mit der Hälfte des Geldes“

„Doppelt so gut funktionieren – mit der Hälfte des Geldes“

Prof. Dr. Fredmund Malik

Prof. Dr. Fredmund Malik über den Wandel in der Medienbranche und die Mega-Trends der (Medien-)Welt von morgen

 

 

 

 

Herr Prof. Malik, Sie haben den Begriff der „Großen Transformation“ geprägt. Erklären Sie uns bitte kurz, was darunter zu verstehen ist. 

 

Prof. Dr. Fredmund Malik: Wirtschaft und Gesellschaft gehen durch eine Periode des vielleicht tiefgreifendsten Wandels, den es geschichtlich je gab. Es ist der Übergang von der Alten Welt zu einer Neuen Welt. Bildlich gesprochen muss die Raupe untergehen, weil der Schmetterling geboren werden will. So muss die Alte Welt weichen, weil eine Neue Welt im Entstehen und teilweise schon da ist. Es ist ein Vorgang, wie die Verdrängung der früheren Agrargesellschaft durch die Industriegesellschaft, aber um Dimensionen größer und komplexer.

Die aktuelle Krise, weitgehend in ihrer Natur missverstanden, sind die Geburtswehen der neuen Welt. Diesen Umwandlungsprozess bezeichne ich als „Große Transformation“ des 21. Jahrhunderts. Erstmals verwendete ich den Begriff in einem meiner Bücher, das 1997 erschienen ist.

Der wichtigste Treiber des Wandels ist die immense Komplexität der vernetzten Systeme, die rund um die Welt ihre Dynamik entfalten. Mit bisherigen Denkweisen und Methoden kann man diese Komplexität und Dynamik nicht mehr meistern. Die neue Gesellschaft, die eine Komplexitäts- und Wissensgesellschaft ist, wird daher nach gänzlich anderen Gesetzmäßigkeiten funktionieren wie bisherige Gesellschaften. Geschichtlich ist das immer wieder vorgekommen.

 

Wie wirkt sich dieser Wandel in der Medienbranche aus?

Prof. Dr. Fredmund Malik: Die Herausforderung auf einen Satz gebracht: Doppelt so gut funktionieren – mit der Hälfte des Geldes… – also ein Quantensprung in eine neue Dimension des Funktionierens. In Pionierunternehmen ist das heute bereits erfolgreiche Praxis, und oft sind weit größere Verbesserungen möglich.

Für herkömmliches Denken ist das zwar unvorstellbar, aber es entspricht im Kern den Leistungsfortschritten in vielen anderen Bereichen, z. B. in Technik und Medizin. Wer etwa in Kategorien des früheren Telefons denkt, wird die Welt des Handys nicht für möglich halten. Das Unmögliche von heute ist jedoch häufig der selbstverständliche Standard von  morgen.

 

Was bedeutet das für den einzelnen Mediennutzer, was für Verlags- und Medienunternehmen?

Prof. Dr. Fredmund Malik: Auf Basis neuer Erkenntnisse über Naturgesetze des Funktionierens sind innovative Strukturen, Strategien und neue Unternehmenskulturen möglich und auch nötig. Das dafür nötige Wissen kommt heute aus den Biowissenschaften und der Gehirnforschung, und weit weniger aus der Betriebswirtschaftslehre. Das führt zu neuen hochwirksamen Lenkungs-, Leitungs- und Managementsystemen. Zu ihren Funktionsprinzipien gehören Ganzheitlichkeit und Vernetzung. Sie ermöglichen Real Time Control von Organisationen durch punktgenaues Navigieren.

Unter anderem ist es uns bereits gelungen, gerade für das Bewältigen der komplexesten Herausforderungen grundlegend innovative Verfahren für Kommunikation, Entscheidungsfindung und für das Umsetzen von Lösungen zu entwickeln. Damit verbessern wir z. B. die Effizienz herkömmlicher Teams um das 80fache und Entscheidungsprozesse werden um bis zum 100fachen beschleunigt. Das Verfahren heißt „Syntegration“, ein neues Kombinationswort aus Synergie und Integration, das bereits in mehr als 400 Fällen durchschlagende Ergebnisse hatte und bisher keinen einzigen Flop.

 

Wie kam es Ihrer Meinung nach überhaupt zur Medienkrise?

Prof. Dr. Fredmund Malik: Unter anderem hat das mit Wandel zu tun. Viele Menschen – darunter auch Unternehmer und Führungskräfte, tun sich mit grundlegendem Wandel so schwer, dass sie die nötige Neuorientierung nicht oder zu spät einleiten. So haben viele enorme Mühe mit den neuen Gesetzmäßigkeiten der Wissensgesellschaft und Wissenswirtschaft, denn diese funktionieren fundamental anders, als die bisherige Wirtschaft der klassischen Güter und Dienstleistungen. Für Medien ist das zentral.

 

Ein anderer Grund ist die Fehleinschätzung der Wucht und Geschwindigkeit, mit der neue Technologien plötzlich zuschlagen. Ein weiterer Grund sind Strategien der kurzfristigen Gewinnmaximierung zu Lasten langfristig nachhaltiger Investitionen und Innovationen. Und immer wieder taucht das Phänomen auf, dass man den Wandel bei den Konsumenten, hier den Mediennutzern, übersieht oder unterschätzt. Herkömmliche Marktforschungsmethoden sind weitgehend ungeeignet, das radikal Neue zu entdecken.

Und ein Hauptgrund ist das zu lange Festhalten an Management- und Führungssystemen, die im vorigen Jahrhundert entstanden sind und für die Bedingungen der neuen Welt und ihrer Komplexität völlig ungeeignet sind.

 

Muss also ein prinzipielles Umdenken stattfinden? Und wenn ja: Wie und wohin?

Prof. Dr. Fredmund Malik: Ja, Umdenken ist nötig. Darin liegt eine enorme Chance für innovative Unternehmen und Führungskräfte. Das Umdenken selbst kann sehr rasch gehen.  Es ist, als würden wir plötzlich erkennen, dass die Erde keine Scheibe sondern eine Kugel ist. Für die Portugiesen, die das ernst nahmen und danach handelten,  hat das im 16. JH die weltweite Seeherrschaft begründet. Für Medienunternehmen wird es Marktführerschaft in ganz neuen Märkten bedeuten. Umdenken ist häufig eine Sache von Einzelnen. Das Mobilisieren der für die Realisierung erforderlichen Menschen und das Umsetzen selbst sind eine Sache neuer Methoden, wie z. B. der erwähnten Syntegrations-Methode

Das heute nötige Umdenken geht unter anderem in folgende Richtungen:

Lösungen in den Erkenntnissen der Biowissenschaften suchen, denn die Wirtschaftswissenschaften allein genügen nicht mehr.

Das Unternehmen als lebendigen Organismus verstehen. Die Kräfte von Selbstorganisation und Selbstregulierung gezielt und systematisch in das Unternehmen „hineinorganisieren“.

 

Welche Mega-Trends sehen Sie in der (Medien-)Welt von morgen?

Prof. Dr. Fredmund Malik: Ich greife einige der mir zur Zeit wichtigsten Trends heraus:

Mega-Trend 1 ist die Komplexifizierung der Welt, d.h. das Entstehen der neuen Welt hochdynamischer Systeme und  der Komplexitätsgesellschaft und dadurch das Ende von Gewissheit, Vorhersehbarkeit und herkömmlichen Mitteln der Unternehmenslenkung.

Mega-Trend 2 ist die Entstehung gänzlich neuer komplexitätsgerechter Lenkungs-, Leitung- und Führungssysteme für Organisationen. Bildlich gesprochen entstehen jetzt Nervensysteme und Gehirn für Unternehmen und Non-Profit-Organisationen, ganz besonders auch für die Organisationen der Politik und Verwaltung.

Mega-Trend 3: Totalreform der heutigen Demokratie und ihrer Problemlösungs- und Entscheidungsfähigkeit, denn sie ist nicht mehr ausreichend komplexitätsfähig.  Der kleinste gemeinsame Nenner und diesem entsprechende Kompromisse genügen heute nur noch selten für die Lösung politischer Probleme. Nötig sind vielmehr Entscheidungen, die dem größten gemeinsamen Zähler entsprechen.

Mega-Trend 4: Management und vor allem Selbstmanagement wird in der Komplexitätsgesellschaft zur neuen Kulturtechnik, die potentiell jede Person braucht, um beschäftigungsfähig zu sein, so wie früher Lesen und Schreiben.

Mega-Trend 5: ist der sich soeben verwirklichende Trend, den ich seit langem schon vorhergesagt habe: Die Wirtschafts-Krise als Geburtswehen einer Neuen Welt. Nun müssen die Schulden-Gebirge abgebaut werden, mit zum Teil gravierenden Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft. Wenn  die herkömmlichen Lösungen nicht rasch aufgegeben werden, wird es vorerst zu einer allgemeinen weltweiten Deflation kommen.

Daher folgt Mega-Trend 6: Doppelt so gut funktionieren, mit dem halben Geld.

 

Malik bei der Akademie in München: 1. Top-Management Forum am 3.3.2010

2010-02-15T11:19:01+01:00